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Mileans Erben
FEUERMOHN

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Kapitel 2

Dunkle Gänge erwarteten ihn auf dem Weg zum Tempel. Klangvoll hallten seine Halbschuhe über den Steinboden der Palastkatakomben. Niemals hätte er sich vorgestellt, welch ausgefeiltes Tunnelsystem sich hier unten verbarg. Wie ein Spinnennetz zogen sich die Wege von den inneren zu den äußeren Gängen, nur dass die äußeren immer rarer wurden, bis ein einzelner Tunnel übrigblieb, der aus der Stadt hinausführte. Faszinierend, was Zeph in den Kartenaufzeichnungen gesehen hatte. Und beängstigend. Allein hätte er sich hier längst verlaufen.

Uriel schritt neben Zeph her. »Hört Ihr sie rufen? Das Volk kann es nicht erwarten, seinen neuen König zu sehen.«

»Nicht nur das Volk, auch die geladenen Gäste, Fürsten, Tempeldiener, Vorsteher und Minister – sie alle sitzen im Tempel und warten schon ungeduldig«, ergänzte Iguanis.

»Warum dann dieses Versteckspiel? Wir hätten den direkten Weg nehmen sollen.«

»Sie hätten den Weg in den Tempel abgeschnitten, das hätte noch länger gedauert.«

Zeph schwieg. Die Senatoren – mit Phargo an der Spitze – entschieden ohne ihn, trafen Vorkehrungen, ließen nur bestimmte Informationen an ihn heran, führten ihn über die Wege, die ihnen passten … Das durfte er nicht länger dulden. Nach der Krönung war es an der Zeit, das zu ändern. Was würden sie tun, wenn sie merkten, dass er eigene Ziele verfolgte?

Bei einer Abzweigung nahmen sie den linken Pfad und gelangten vor eine Tür. Senator Alastor öffnete sie mit einem Schlüssel seines riesigen Schlüsselbundes. Er hatte auffällig feingliedrige Hände, bemerkte Zeph. Eindeutig der Jüngste unter den Senatoren, mit einer weichen Stimme und gewellten, dunklen Haaren. Einer, der Zeph das Gefühl gab, ihm vertrauen zu können. Und deshalb vermutlich einer, vor dem er sich besonders in Acht nehmen sollte.

Hinter der Tür offenbarten sich ihnen Treppen, die direkt ins Innere des Tempels führten. Und wahrhaftig, oben angekommen standen sie in einer der reichverzierten Kammern voller gewaltiger Kerzenständer und imposanter Wandteppiche. In dem Tempel, den Königin Raika nach dem Großen Brand in kürzester Zeit aus dem Boden gestampft hatte. Der frühere Bau sollte mit Gold verkleidet gewesen sein, für diesen hatte ihr das aber angeblich kein lysischer Senator bewilligt.

Einige Tempeldiener und weitere Senatoren nahmen sie in Empfang – darunter Phargo, der mit einem diebischen Grinsen auf Zeph zuging. »Da seid Ihr ja, werter Zephanian. Wie geht es Euch an Eurem großen Tag? Ihr seid doch nicht etwa nervös?«

Der Tag, den ich Phargo allein zu verdanken habe, schoss es Zeph in den Sinn.

»Der Tag selbst ist nicht groß, aber all das, was vor mir liegt«, antwortete er und ging in den Saal. Er webt dir Gedanken ein, wie es ihm beliebt, blendet dich mit der Aussicht auf Macht, schmeichelt dir, gingen ihm Yolas Worte von damals durch den Kopf. Er wird dich vernichten, wenn er dich nicht mehr braucht … Was gäbe er dafür, wenn sie jetzt hier wäre, bei ihm. Wenn sie sich gegenseitig den Rücken deckten, gemeinsam diesen Weg gehen könnten … Sie wäre die Einzige, der er durch und durch vertraut hätte.

Bei seinem Eintreten standen die Anwesenden des Tempels auf: Tempeldiener, Priester, Minister, Funktionäre des Militärs, Senatoren und Berater, Fürsten und Amtsmeister der einzelnen Stämme. Als er seine Mutter entdeckte, lächelte er ihr zu, doch dann stockte er. Neben ihr saß der Weststammfürst Nihan, der mit strenger Miene geradeaus sah und sich nicht rührte. Zu ihrer Linken Südstammfürst Shimni, dessen feiste Wangen sich wölbten, als dieser Zeph offen zulächelte. Doch von Fürst Theos war keine Spur.

Säumte sein eigener Vater als Nordstammfürst die Krönung des neuen Königs? Die Krönung seines eigenen Sohnes? Hastig überblickte Zeph die Reihen der Gäste, doch sein Kopf wusste längst, was sein Herz nicht begreifen wollte. Theos lehnte ihn ab. Als Sohn und nun auch als König.

Der Hohepriester räusperte sich, sodass Zeph sich fasste und mit langen Schritten auf den mittig angeordneten breiten Scherenstuhl zuging und Platz nahm.

»In den Schriften Mileans steht geschrieben: Ehre demjenigen, der Wahrheit sucht, Aufrichtigkeit seine Mutter nennt und Milde seinen Vater. Santi selbst verkörperte diese Eigenschaften mit seinem ganzen Wesen und danach trachten auch wir …«

Während der Hohepriester mit der Liturgie fortfuhr und weitere Textstellen darüber zitierte, was die Grundfesten des Königtums Mileans waren, kreisten Zephs Gedanken um seinen Vater. Wie konnte er es wagen? Das würde ihm nicht anders als eine offenkundige Verweigerung seiner Ehrerbietung gegenüber dem neuen König ausgelegt werden. Welche Folgen würde das mit sich bringen?

»… der nun über uns wacht, im Stillen und im Sturm, in Zeiten des Krieges und des Friedens, ob wir an ihn denken oder ihn leugnen …«

Draußen tobte der Lärm. Leute riefen wild durcheinander, manche hielten den immer gleichen Gesang ab, Parolen wurden geschrien. Die Hoffnung war greifbar in den steinernen Wänden des Tempels. Königin Raika war einem Hinterhalt der Tulpenreiter zu Opfer gefallen, so lautete die offizielle Erklärung. Sie alle sahen einer neuen Ära entgegen – einer, in der der Sohn des Nordstammfürsten regierte. Des Stammes, der es als einziger wagte, den Lysiern die Stirn zu bieten.

»… und wohnt im demütigen Herzen, das sich der eigenen Fehlbarkeit bewusst ist und die Stärke besitzt, Schwäche zu zeigen und sich an den Quellen Santis zu erquicken. Möge der König von diesen Quellen erfüllt und geleitet werden und Milean ins Tal der grünen Auen führen.« Der Hohepriester leitete in ein Gebet über und schloss die Augen.

Zephanian tat es ihm gleich und zwang seine Gedanken, still zu halten und sich auf den Moment zu besinnen. Seine Krönung. Er würde neuer König werden. Mit aller Kraft hielt er sich diese Tatsache vor Augen, und doch blieb sie inhaltslos, wollte sich das Hochgefühl nicht einstellen. Erleichterung durchströmte ihn, als der Priester endlich zum Ende kam und ihn mit einem Nicken aufforderte, sich zu erheben.

Zwei Tempeldiener brachten eine Schale heiliger Asche, von der der Hohepriester etwas über Zephanians Haupt verteilte. Die sinnbildliche Asche von Santis Gebeinen – in Wirklichkeit die Überreste von Hühnerknochen, wie Uriel es ihm verraten hatte. Er hielt seine Hand hin. Der Priester stach ihm in den Daumen und ließ ihn einen Tropfen Blut auf die Ahnentafel drücken, die auf dem Altar ausgebreitet lag. Damit war sein Blut eingefasst in die Linie der Könige, auf ewig verzeichnet in Santis Gedächtnis und seinem Wohlwollen untergeben. Den aufkommenden Gedanken, dass er nicht durch seine Blutlinie hierhergekommen war, schob Zeph weit von sich. Genauso wie die Erinnerung daran, wem dieser Platz in Wirklichkeit zustand.

Mit ernster Miene sah der Hohepriester ihn an. »Die Flügel Santis sollen Euch tragen, seine Fittiche sollen Euch beschützen, sein Scharfsinn Euch leiten, seine Liebe Euch Demut und Güte am Volk schenken.« Er deutete ihm mit einer Bewegung an, sich hinzuknien, und Zeph befolgte es. »Möge Eure Herrschaft von Fortschritt, Frieden und Freiheit erfüllt sein.« Damit nahm der Hohepriester die mit Smaragden und Onyxsteinen bestückte Krone in die Hände und setzte sie ihm auf den Kopf. »Mögen Eure Kinder und Kindeskinder Euch loben und von Euren großen Taten am Volke Mileans in den Annalen dieses Landes erzählen.«

Zephanian erhob sich. Der Priester überreichte ihm das Zepter. »Im Namen des Heiligen Santi ernenne ich Euch zum neuen Oberhaupt und König Mileans.«

Wie auf ein unsichtbares Handzeichen hin gingen die Gäste auf die Knie und beugten die Köpfe. Eine eigenartige Ruhe erfüllte den Raum, sodass das Gebrüll von draußen nur noch lauter erschien. Schließlich senkte auch Zeph das Haupt und der Hohepriester sprach sein Gebet.

Mit dem letzten Wort erhoben sich die Anwesenden und fingen an zu klatschen.

Zeph hob den Blick. Es war vollbracht. Er war der neue König.

Unzählige Gesichter strahlten ihn an, als er sich umdrehte. Phargo und Uriel grinsten. Seine Mutter lächelte ihm stolz zu und wischte sich eine Träne ab. Die West- und Südstammfürsten beugten die Köpfe. Die anderen taten es ihnen gleich. Nach und nach verbeugten sich die Gäste, während Zephanian im Gang zwischen ihnen auf den Ausgang zuschritt. Seiner neuen Zukunft entgegen. Dem Weg in die Freiheit Mileans.

Fünf Wächter standen vor der Flügeltür, die den Weg nach draußen versperrte, und verneigten sich vor ihm.

Er kam zum Stehen. »Öffnet die Tür.«

Die schweren Eisentüren wurden nach außen geschoben und gleißendes Sonnenlicht fiel in den Tempelsaal, das Zephanian kurz die Sicht nahm. Sofort verebbte der Lärm draußen, stattdessen ging ein Raunen durch die Reihen des Volkes. Zeph trat einige Schritte auf den erhöhten steingepflasterten Vorhof zu, gefolgt von den anderen Gästen. Die ersten Menschen klatschten, einige riefen etwas.

Phargo schritt voraus und machte eine ausladende Geste zu Zephanian. »Verehrtes Volk Mileans, verbeugt euch vor eurem neuen Herrscher, König Zephanian.«

Kleine Kinder am Rande der Empore blickten zu ihm auf. Frauen und Männer winkten ihm zu, strahlten ihn an, verneigten sich vor ihm. Ein überwältigendes Tosen der Menge, die ihn allein ansah und ihn als ihren neuen Herrscher würdigte. Das Gefühl tiefer Bestätigung erfüllte Zeph. Dies war sein Platz. Dazu war er ausersehen.

»Wir erleben einen Tag großer Freude, das Aufblühen eines neuen Herrschers, der die Zügel Mileans in die Hand nehmen und das Land in glorreiche Zeiten führen wird«, tönte Phargo. Zephanian wurde unruhig. Dass Phargo eine ausladende Rede hielt, bevor Zeph das Wort ans Volk richtete, war nicht abgesprochen. »Als Zeichen seiner Stärke und Ausdruck seiner Macht hat Seine Majestät bereits jetzt Taten für sich sprechen lassen und die Tulpenreiter mit ihrer Anführerin endgültig zerschlagen.« Irritiert drehte Zeph den Kopf zu ihm, doch Phargo sprach unbeirrt weiter. »Ein großes Aufkommen in den Bergen hat auf Befehl König Zephanians ihre unerlaubten Waffen zerstört und ihre Überreste vernichtet. Der Terror hat ein Ende. Ein Sieg für die Freiheit. Es lebe König Zephanian!«

Stille kehrte ein. Wo eben noch wilder Beifall herrschte, hörte man jetzt jedes Räuspern. Die Menge starrte Zeph an, genauso konnte er nicht glauben, was Phargo soeben gesagt hatte. Die Truppen hatten sich von den Bergen zurückgezogen, wann war ein erneuter Angriff befohlen worden? War das die Wahrheit? Er hatte damit nichts zu tun, was sollte das? Und … wie ging es Yola und Arodon?

»Und jetzt, hört den König selbst!«, rief Phargo aus vollem Hals in einer völlig unangebrachten Begeisterung und trat zurück, bis Zephanian allein auf dem Tempelplatz stand. Alle Blicke waren auf ihn gerichtet. Entsetzte Gesichter, Kopfschütteln, Wut.

»Wertes Volk Riyus«, fing er an, sein Kopf wie leergefegt. Sie hielten ihn für einen Tyrannen, der das eigene Volk bekämpfte … »Ich begrüße euch als euer neues Oberhaupt.« Im hinteren Teil der Menge kehrte Unruhe ein. Menschen wurden zur Seite gedrückt, ein Wagen vorgeschoben. »Es ist mir eine Ehre …« Der Fuhrwagen war bis obenhin beladen mit … Blumen? Einige der Blumen wurden von Soldaten verteilt. Hatte Phargo sie dazu angewiesen? Soldaten und einfache Menschen hielten sie in die Luft. Zugleich schlängelte sich jemand mit einer Fackel durch die Reihen.

»Er ist ein Lysierkönig!«, rief einer.

Zeph besann sich. »Die Tulpenreiter sind unsere Freunde und Prinzessin Yola meine Verbündete. Gemeinsam werden wir …«, kalte, ernste Gesichter starrten ihn nieder, »ein neues Zeitalter einleiten.«

Die Blumen wurden angezündet.

Weiße, rote, blaue, rosafarbene … Eine nach der anderen. Tulpen. Es waren Tulpen.

»Er hat sie alle niedermetzeln lassen!«, schrie eine Frau.

»Er hat die Prinzessin mundtot gemacht!«

»Die Prinzessin lebt?«

»Sie gehört auf den Thron, nicht der Lysierkönig!«

Das Volk wurde immer unruhiger, rief immer lautere Parolen. Die Onyxkrone drückte sich bleischwer auf Zephanians Kopfhaut. »Hört mir zu, ich habe nichts damit zu tun, im Gegenteil …«

Der gesamte Fuhrwagen mit dem Tulpenhaufen wurde angezündet. Niemand hinderte die Soldaten daran. Die Wachen bei ihm auf dem Vorhof blieben ungerührt stehen. Sie alle mussten eingeweiht sein. Eine meterhohe Flamme entbrannte und die Menschen um den Fuhrwagen herum schrien panisch auf, erkannten die Symbolik. Die Vernichtung der Tulpenreiter. Die Zerschlagung jeder Rebellion.

»Geh zurück, wo du herkommst!«, schrie einer aus der vorderen Reihe. Zwei Wächter stapften auf ihn zu und ergriffen ihn an den Oberarmen. Die umstehenden Leute protestierten und schrien auf die Soldaten.

»Verschwindet!«

»Nieder mit dem Lysierkönig!«

»Wir wollen die Prinzessin auf den Thron!«

Immer mehr stimmten lauthals mit ein, während zugleich immer mehr Tulpen entbrannten. Ein Meer aus bunten Fackeln.

Wie versteinert starrte Zeph sie an. Ein kleiner Junge sah ihn abwartend an. »Ich war niemals Feind der Tulpenreiter«, rief er und erinnerte sich, wie er selbst die Schlacht in den Bergen angeführt hatte. Wie er Yola als Gefangene ins Lager gebracht hatte. Nicht mal er glaubte sich.

Seine Worte gingen im Lärm schreiender Menschen unter. Etwas traf ihn dumpf an der Schulter. Ein Ei, das seine durchscheinende Spur an Zephs Robe zog.

Die Wachen hinter Zeph schoben ihn zurück. »Wir müssen abbrechen, Eure Majestät.«

»Ich habe meine Rede noch nicht beendet.«

Sie drängten ihn nur weiter bis ins leergefegte Tempelinnere. »Wir nehmen den Weg über die Katakomben«, rief einer von ihnen.

Phargo empfing ihn mit ausgestreckten Armen, ein breites Lächeln im Gesicht. »Eine wunderbare Rede, Eure Majestät, und nun folgt mir.« Nun werden sie immer Respekt vor Euch haben.

Mit wildem Herzen sah Zeph dem Senator hinterher, als dieser sich umwandte und vorausging, und verstand: Die Botschaft der brennenden Tulpen war nicht ans Volk gerichtet gewesen – sondern an ihn.

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Mileans Erben
SCHATTENLILIE

Kapitel 1

Verdorrte Zweige auf dem Waldboden brachen unter ihrem Laufschritt, nie hatte sie es so eilig gehabt, Laban ein Päckchen Nägel zu bringen. Schwungvoll sprang sie über ausladende Wurzeln und hielt sich im Vorbeirennen die Äste aus dem Gesicht, die Waren des Fuhrwagenhändlers klapperten dabei in ihrem Korb mit. Sie hoffte, dass die Pfefferdose für Alma keinen Sprung bekäme, doch langsamer werden konnte sie dafür nicht.

Endlich tauchten die drei Magnolienbäume zwischen den Eichen auf, Labans Hütte darunter eingebettet wie in einem seligen Schlaf. Sie rannte auf das Geräusch der aufeinanderschlagenden Übungsschwerter zu und scheuchte Shira damit von ihrem Falkenpflock. »Laban!«, rief sie schon von Weitem und stürmte auf den Hof. »Gerimo war da …« Mit schwerem Atem kam sie zum Stehen und schnappte nach Luft.

»Seit wann ist das ein Grund zur Aufregung?«, antwortete Laban und holte mit dem Schwert aus.

Arodon parierte. »Er war doch letztens erst hier.«

»Er hat uns direkt aufgesucht und meinte, du hättest ihn rufen lassen.« Yola stellte den Korb ab und trat an die beiden heran. »Darum geht es aber nicht, er …«

»Niemals in einen offenen Kampf hineinlaufen«, warnte Laban.

Genervt blieb sie stehen. »Hört doch mal kurz auf. Die Königin kommt heute nach Lodor, hat Gerimo gesagt!«

Beide kämpften unbeirrt weiter. Nicht einmal eine Horde wildgewordener Inoggs würde sie vom Training abbringen. Ungeduldig wartete sie auf den Ausgang der Übung und verschränkte die Arme ineinander. Labans dünne Haare schwangen wie lose Fäden mit, der bläuliche Schimmer darin schimmerte im Sonnenlicht. Arodon kämpfte wieder einmal in seiner Fellweste. Sie strich sich Schweißperlen von der Stirn und schüttelte den Kopf. Fellweste! Als würden gewöhnliche Kategorien wie Kälte und Hitze für ihn nicht gelten.

Phuko schob sich träge zu ihr und schnüffelte an ihrem Korb.

»Ist nichts zu essen dabei«, murmelte sie und strich dem Inogg übers lange hellbraune Fell.

Mürrisch wandte Phuko sich wieder ab und trottete zur Hütte, wo er sich vor den Eingang niederlegte und seine Schnauze unter die Pfoten verbarg.

Sie schwenkte den Blick zurück zum Training, doch hatte sie es satt, zuzusehen. So satt … »Laban gewinnt sowieso, ist doch klar.«

»Wir trainieren ja auch die Abwehr«, gab Arodon atemlos zurück. »Da geht es nicht darum, dass ich gewinne.«

Ein kurzes Nicken von Laban reichte aus, um den Tanz zu beenden. »Also, was hast du gesagt?«

Yolas Laune hellte auf. »Die Königin ist heute in Lodor! Bitte, lass uns hingehen. Ich habe sie noch nie gesehen.«

»Nicht das, sondern die Sache mit Gerimo. Er hat dich und Alma persönlich aufgesucht? Woher weiß er, wo ihr wohnt?«

Sie rollte mit den Augen. »Kann sein, dass ich es ihm einmal erzählt habe. So ist es viel leichter, wenn er uns Ware bringt. Ich …«

»Das geht nicht, Yola!«, fiel Laban ihr so harsch ins Wort, dass sogar Arodon auf dem Weg zur Wassertonne zusammenzuckte. »Und ich habe ihn sicher nicht gerufen.«

Wieder spielte Arodons Lehrmeister sich auf, als sei er ihr Vater. Reichte es nicht, dass ihre Ziehmutter ihr jeden Schritt außerhalb Saphos verbot? »Die Königin war seit Jahren nicht in Lodor, hast du immer gesagt. Willst du sie nicht auch einmal sehen? Sie hält heute eine Ansprache für das Volk.«

»An ihren Taten sehe ich genug von ihr. Ich verreise heute nicht.« In Labans Augen lag etwas Größeres, Dunkleres, das weit über das Gesagte hinweg reichte. »Aber deine Hand hast du versteckt gehalten, oder?«

Mit jedem Wort sank Yolas Laune tiefer. Sie kratzte sich an der Schuppenhand, die wieder fürchterlich zu jucken anfing. »Natürlich.«

»Die Königin soll eine eiskalte Frau sein, die keine Miene verzieht und kaum etwas sagt.« Arodon legte seine Weste achtlos auf einem Holzstapel ab. »Lang dürfte ihre Rede also nicht werden, du verpasst schon nichts.« Damit tauchte er den Kopf und halben Oberkörper ins Regenfass, sodass das Wasser großzügig überschwappte.

»Du hast gut reden, du kannst ja auch jederzeit nach Lodor, wie es dir beliebt.« Yola holte das Päckchen mit den Nägeln aus dem Korb und drückte es Laban in die Hand, als er an ihr vorbei zur Hütte ging. »Hier, deine Ware. Alma hat sie bereits bezahlt.«

Verdutzt blieb er stehen. Mit Blick auf das Päckchen weiteten sich seine Augen. »Die blauen?«

Yola zuckte mit den Schultern. »Hast du was anderes in Auftrag gegeben?«

»Ich habe gar nichts …« Laban hielt inne und zog kaum merklich die buschigen Augenbrauen zusammen, bevor er hastig auf die Tür zuschritt. »Ich muss gleich nochmal los.«

Augenblicklich wandte sie sich zu ihm um. »Nach Lodor?«

Mit seinen Füßen schob er den murrenden Phuko zur Seite und öffnete die knarzende Holztür. »Die … Nägel aus der blauen Packung taugen nichts. Ich muss sie bei Gresius eintauschen«, murmelte er und mied ihren Blick.

Er log, sie sah es genau und konnte es nicht fassen. So oft Laban ihr auch etwas verheimlicht hatte, angelogen hatte er sie noch nie. »Dann … könnten wir dich doch begleiten?«

»Nein«, antwortete Laban viel zu schnell.

Arodon trat heran. Wasserspuren zogen sich von seinen Haarspitzen seine braungebrannte Brust entlang. Er stutzte ebenfalls. »Das wäre doch keine schlechte Idee. Ich habe nichts dagegen, Yola zur Ansprache zu begleiten, während du in Ruhe deine Nägel umtauscht«, sagte er in beiläufigem Ton.

Laban bedachte Arodon mit einem scharfen Blick, bevor er erneut den Kopf schüttelte.

»Warum nicht?«, fragte Yola und wusste zugleich, dass sie keine Antwort bekommen würde.

»Was verborgen bleiben will, darf nicht herausgedrängt werden.«

Sie hielt Labans Blick stand und holte tief Luft. »Sag mir nur einmal frei heraus: Wa-rum nicht?«

Für einen Moment flackerte Bedauern in seinen blassblauen Augen. »Schattengewächse gehen in der Sonne ein. Du musst deine Wurzeln kennen und wissen, wo du hingehörst, Yola.«

Dieses Mal entfachten seine gutmütigen Augen nichts als Zorn in ihr. Alma konnte genauso sprechen. Eine Antwort, die gar keine war. Als fänden Arodons Lehrmeister und Yolas Ziehmutter Genugtuung darin, eine Mauer zu bilden, die Yola niemals überwinden konnte. »Ich bin also elendes Moos und werde in diesem Waldstück für den Rest meines Lebens verrotten.«

Laban schenkte ihr ein Lächeln, sein struppiger Bart zuckte kurz. »Arodon bleibt heute auch hier. Er begleitet dich später nach Hause.«

Wie zentnerschwere Steine legten sich seine Worte auf sie. Energisch drehte sie sich um und stapfte von der Hütte in Richtung Schuppen, bevor Laban oder Arodon ihre aufkommenden Tränen sahen.

Drei Personen machten ihre Welt aus, und diese drei hatten sich verschworen, sie vom Rest der Welt auszuschließen. Selbst wenn Arodon auf ihrer Seite stand – solange es ihm gestattet war, mit Waffen zu kämpfen oder in Städte zu reisen, und ihr nicht, würde er sie nie verstehen.

Sie kauerte sich an die Rückwand des Holzschuppens und schichtete Steine übereinander, wie sie es sonst immer tat, wenn sie den beiden beim Training zusah. Immer würde sie Zuschauerin bleiben. Zuschauerin ihres eigenen Lebens, das an ihr vorbeizog, während irgendwo da draußen Leute feierten, lachten, umherzogen, die Welt entdeckten … Das Gefühl in ihrer Schuppenhand verließ sie, der vierte Stein glitt ihr aus den Fingern. Elende Hand, hässlich wie eine Hühnerklaue, zu nichts nütze als unter zu langen Ärmeln versteckt zu werden.

Beim sechsten Stein kippte der Turm. Sie nahm einen und warf ihn mit voller Wucht ins Geäst vor sich. Ihr gesamtes, verdammtes Leben war nicht mehr als ein Stapel grauer Steine, öde Arbeiten, aufeinandergehäuft, bis sie am Ende des Tages wieder auseinanderfielen und Yola am nächsten Tag von vorne begann. Nie würde sie weiter als bis zum sechsten Stein kommen. Nie würde sich an der grauen Aneinanderreihung etwas ändern.

»Sie wird nicht das letzte Mal in Lodor gewesen sein.«

Ruckartig wischte sie sich über die Augen. »Und es wird nicht das letzte Mal sein, dass es mir verwehrt wird, dorthin zu reisen«, brummte sie.

Arodon trat aus der Ecke des Schuppens an sie heran. »Hast du Lust, stattdessen zum Fluss zu gehen? Ist ohnehin viel zu heiß für den langen Weg zur Stadt.«

»Vergiss es.« Das letzte Mal, als sie schwimmen lernen wollte, hatte es damit geendet, dass sie wie ein japsender Hund nach Luft geschnappt hatte. Die Schuppenhand hatte sie wie ein Stein in die Tiefe gezogen. Sie drehte den Kopf zu ihm. »Was tut Laban in Lodor immer?«

Arodon hockte sich neben sie. »Meistens kauft er neues Werkzeug bei Gresius.«

»Warum bestellt er das nicht beim Fuhrwagenhändler, wie alles andere auch?«

»Yola, lass gut sein. Du machst dir das Leben nur schwer mit der Grübelei.«

»Willst du denn gar nicht wissen, was er vor uns verheimlicht?«

»Er wird seine Gründe haben.«

Frustriert schnaubte sie auf und legte den Kopf auf die Knie. »Ich verstehe nicht, warum du ihn immer in Schutz nimmst.«

»Laban verlässt sich auf mich. Ich will ihn nicht hintergehen.«

Sie hob den Kopf und sah ihm in die dunkelbraunen Augen, die ihr so vertraut und oft doch so fremd vorkamen. »Du bist ihm nichts schuldig.«

»Sehe ich anders. Seit ich auf den Beinen stehen kann, bildet er mich aus. Ich verdanke ihm alles. Nur durch ihn bin ich in der Lage, diejenigen zu beschützen, die mir …«, kurz huschten seine Augen von ihr weg, »wichtig sind.«

Für einen Moment schwiegen sie. Arodon war viel zu gutmütig, um sich jemals gegen irgendwen aufzulehnen. Bewundernswert, an einem Tag wie diesem aber vor allem frustrierend. »Ich werde ihm folgen«, murmelte sie.

»Nein. Ich werde dich nach Hause begleiten.«

»Ach komm, Aro! Wir sind zurück, bevor er etwas davon bemerkt.« Sie setzte das Lächeln auf, mit dem sie ihn schon als Kind zu irgendwelchem Unfug überredet hatte. »Wenn du mich begleitest, passiert mir doch nichts.«

Er zog spöttisch die Augenbrauen in die Höhe. »Glaub ja nicht, dass dieser billige Trick funktioniert.«

Sie zuckte mit den Schultern. »So oder so: Ich werde heute gehen. Du hast die Wahl, mitzukommen und mich vor der bösen, bösen Welt zu beschützen«, sie verzog den Mund zu einem Schmollmund, »oder mich armes, kleines, sechszehnjähriges Kind mutterseelenallein ziehen zu lassen.«

»Du vergisst die dritte Möglichkeit: Dich direkt hier in den Schuppen einzusperren«, gab er trocken zurück.

»Pah! Das würdest du nicht wagen.« Vom Hof erklangen Schritte. Sie stand auf und lugte um die Ecke. Laban verließ den Hof. Shira saß auf seiner Schulter, doch hatte er keine Taschen dabei – nichts, worin er die Nägel verstaut haben könnte. Sie stellte sich vor Arodon auf und stemmte die Hände in die Hüften. »Wir müssen herausfinden, was er vorhat, Aro. Irgendwas stimmt nicht. Als er dieses Päckchen gesehen hat … Wir müssen ihm folgen.«

Unwillig verzog er das Gesicht und erhob sich. »Ich will Laban nicht hintergehen.«

Seine Weste hatte er nicht wieder angezogen. Ihr fielen die kleinen dunklen Härchen auf seiner Brust auf, bevor sie den Blick zu ihm hob. »Hast du davor Angst, wie er reagieren könnte – oder wie du reagieren könntest –, falls wir etwas herausfinden, das uns nicht gefällt?«

Sein Blick verdunkelte sich, er ließ sich Zeit mit der Antwort. Schließlich aber seufzte er. »Nur, wenn du bereit bist, es Alma und Laban danach zu beichten. Ich hasse Heimlichkeiten.«

Augenblicklich löste sich etwas in ihr. Sie atmete tief durch und zog ihn in eine Umarmung. »Danke, Aro.«

Er schien kurz überrumpelt, doch dann fiel er in ihre Geste ein. »Ich bereue es jetzt schon.«

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